**BERNHARD HOSA** biography works news texts/press contact


TEXTS/PRESS    
  Portraits ohne Anlitz

Ins Offene

Menschen und Monster

Der reine Raum

Verwässerte Theorien

 
  Ins Offene (2009)

Boris Manner

In seinem letzten Zyklus "homo delinquens" zeigt uns Bernhard Hosa das Ergebnis einer konsequenten Entwicklung von Motiven die er bereits in seinen beiden früheren Arbeiten "six feet under" und "Der gesichtslose Blick" behandelt hat. Beide Werke stellen das Verhältnis von unserem naiv - ungefragten Menschenbild in Frage indem sie Techniken der Vermessung und Konstruktion des menschlichen Körpers vorstellen. In "Der gesichtslose Blick" dient das gesetzlich festgeschriebene Mindestmaß an Lebensraum der einem Gefangenen zusteht als Ausgangspunkt für eine Skulptur. In "six feet under" baut der Künstler das letzte Maß mit dem unser Körper wohl gemessen werden wird: das Grab. Sowohl der aus Holzlatten konstruierte "Lebensraum" des Strafgefangenen in der ersten Arbeit, als auch das vom Künstler gegrabene Loch im Keller eines Hauses in Wien bei "six feet under" zeigen aber nur die Abwesenheit der evozierten Person. Sie sind also keine mimetische Darstellung des Menschen als Naturgegenstand. Einfach gefolgert könnten wir sagen dass der Künstler eine "Negativform" des menschlichen Körpers vor uns entstehen lässt. Doch Berhard Hosa greift über diesen einfachen, dialektischen Schritt weiter hinaus. Repräsentieren seine Werke doch immer auch das Konzept und die Technik der formgebenden Gesetze. Dies führt uns Betrachtern vor Augen dass die Form des Menschen wesentlich von sozialen Beschreibungen definiert wird. Foucault nennt dieses Netz aus Diskursen, Gesetzen und Institutionen Dispositiv. Giorgio Agamben greift dieses Konzept auf und kommt zu der Einsicht dass das Erscheinen des menschlichen Subjektes wesentlich an die Konfrontation des Menschen, als Lebewesen gedacht, mit den die Macht ausübenden Dispositiven gebunden ist. Die beiden genannten Werke von Bernhard Hosa nähern sich konsequent diesem Zusammenhang von der Erscheinung des Körpers und den Kategorien von Logik und Ethik. Dies geschieht einerseits in der Sichtbarmachung des Körperraumes den das Strafgesetz als Minimum definiert und andererseits in der mathematisch messbaren Größe des Grabes.

Im "homo delinquens" bringt der Künstler beide Motive in einer Engführung zusammen. Kern der Arbeit ist das Konzept von Cesare Lombroso, dem Begründer der "Positiven Schule der Kriminologie". Lombroso, der Gerichtsmediziner und Psychiater war, versuchte den "geborenen Verbrecher" als anthropologische Konstante zu etablieren. Der Verbrecher, aber auch das Genie, wären angeborene Abweichungen des zivilisierten Menschen. Stossrichtung dieses Unternehmens war aber auch die Psychiatrie als zuständige Institution im Umgang mit Kriminellen zu etablieren und im Gegenzug den Einfluss der Juristen in diesem Bereich zu schwächen. Wesentlich für dieses Konzept ist auch dass es einen Zusammenhang zwischen der Erscheinung des Menschen und dessen Handeln herzustellen versucht. Äußerliche, physiognomische Merkmale würden je schon den Verbrecher bezeichnen. Ethik und äussere Form werden dadurch in eine unmittelbare Beziehung gebracht. Diese Idee war schon in der älteren Physiognomik, bei Lavater etwa, angeklungen.
Joseph Pernety bezeichnet in seinem Werk, "Versuch einer Physiognomik" diese als eine "Erklärung des moralischen Menschen durch die Kenntniß des physischen". Die Faszination die diese Konzepte immer noch ausüben beruht wohl auf der Sehnsucht eine sinnliche Gewissheit von so abstrakten Phänomenen wie dem Charakter eines Menschen haben zu können. Freilich entschwindet uns diese sofort nachdem sie sich eingestellt hat. Aus diesem Grund benötigt die Physiognomik Tabellen und schematisierte "Charakterköpfe" um diese Gewissheit immer aufs Neue herstellen zu können. Durch diese Fixierung der physiognomischen Köpfe bezeichnen diese jedoch die Gesichtszüge der lebenden Menschen. In der Folge sind diese "lebendigen", sinnlichen Formen nicht mehr nur Bezeichnungen für "dahinter liegende" gefährliche Anlagen. Sie sind auch von den formalisierten Darstellungen der Physiognomie oder "positiven Kriminologie" bezeichnet. Wir erkennen, nachdem wir Physiognomie "gelernt" haben, den potentiellen Straftäter nicht mehr aus der Unmittelbarkeit einer sinnlichen Erfahrung seiner Gesichtszuge sondern erkennen an ihm nur noch wieder was uns die physiognomischen Tabellen und Gesichtsmodelle gelehrt haben. In dieser Bewegung zeigen sich die Physiognomie und auch die Kriminologie von Lombroso als Dispositive die diesen Typus von Mensch mitformen und uns zur Erscheinung bringen. Aus dem einfachen Zeigen eines kriminellen Typus ist eine Bezeichnung desselben geworden.

Diese Unmöglichkeit des Zeigens wird in der Installation "homo delinquens" paradigmatisch vorgeführt. Papier und unbearbeitetes Holz sind die dominierenden Bausteine mit denen Bernhard Hosa arbeitet. Durch diese Reduktion der gestalterischen Mittel auf vor allem konstruktive Elemente werden wir in unserer Assoziation auf Gesetzmäßigkeiten und Bauformen verwiesen. Die Arbeiten haben den Charakter einer Skizze und fordern vom Betrachter eine Ergänzung oder sinnliche Vervollständigung des Vorgefundenen. Waren in früheren Arbeiten noch transitorische Momente sinnlich präsent - der Geruch der frisch aufgeschütteten Erde bei "six feet under" zum Beispiel - so findet im neuesten Zyklus eine Reduktion auf "neutrale" Materialien statt. Wir betreten eine Landschaft die aus Objekten aus Karton und unbehandelten Holzlatten gestaltet wird. Ein verlassener Tisch suggeriert uns die Abwesenheit des Menschen der vielleicht vor kurzem noch an diesem gearbeitet hat. Das Bild des Menschen erscheint uns nicht mehr mit sinnlicher Gewissheit. Wir erfahren die Präsenz eines Konstruktionsmodells von Subjekt. Es ist genau diese Grenze zwischen den Lebewesen und den Dispositiven der Macht die hier plötzlich sichtbar wird. Eine Erscheinung des Ortes an dem die Abwesenheit unseres naiven Menschenbildes die mögliche Ankunft eines anderen uns noch fremden Subjektes ankündet.

Pernety, Anton Joseph: Versuch einer Physiognomik. Dresden, Walther, 1784.



Into the Open

In his most recent cycle, "homo delinquens", Bernhard Hosa shows us the result of a consequent development of the motifs which he had already dealt with in his two earlier works "six feet under" and "Der gesichtslose Blick" ("The Faceless Gaze"). Both of the last two works query the relationship between our naive and unquestioning view of the human being by displaying techniques of measurement and the construction of the human body. In "Der gesichtslose Blick", the legally stipulated minimum of living space that a prisoner must be allowed becomes the starting point for a sculpture. In "six feet under", the artist creates the final measurement which will probably be applied to our bodies: the grave. However, both the prisoners "living space", which is made of wooden slats, in the first work, and the hole dug by the artist in the cellar of a house in Vienna in "six feet under", present only the absence of the person being evoked. They are therefore not mimetic representations of the human being as a natural object. Simply inferred, we could say that the artist allows a "negative form" of the human body to arise in front of us. Yet Berhard Hosa goes further than this simple, dialectical step. After all, his works always represent the concept and the technology of the laws of formation. This leads us, as spectators, to see that the form of the human being is essentially defined by social descriptions. Foucault calls this network of discourses, laws and institutions the "dispositif" (apparatus). Giorgio Agamben takes up this concept and comes to the view that the appearance of the human subject is essentially connected to the confrontation between the human being, considered as a living creature, and the apparatuses that exert power. The two above-mentioned works by Bernhard Hosa both consistently approach this connection between the appearance of the body and the categories of logic and ethics. In one case, this occurs by rendering visible the bodily space which penal law defines as a minimum, in the other case by means of the mathematically measurable size of the grave.

In "homo delinquens", the artist closely combines both motifs. At the core of this work is the concept developed by Cesare Lombroso, the founder of the Positive School of Criminology. Lombroso, who was a forensic scientist and psychiatrist, attempted to establish the "born criminal" as an anthropological constant. The criminal, but also the genius, was an innate deviation of the civilised human being. However, one of the impulses behind this undertaking was also to establish psychiatry as the institution which should be responsible for dealing with criminals and, as a countermove, to diminish the influence of jurists in this field. Essential to this concept is also the fact that it attempts to create a connection between a persons appearance and his actions. A criminal would always be characterised by external, physiognomical features. In this way, a direct connection is made between ethics and the external form. This idea had already been touched upon in the older study of physiognomy, in Lavater, for instance.
In his work "Essay on Physiognomy", Joseph Pernety described this as an "explanation of the moral human being by means of knowledge of the physical". The fascination that these concepts still exercise even today probably derives from the desire to have some kind of sensual certainty about such abstract phenomena as a persons character. Of course, this certainty immediately escapes us as soon as it has been achieved. It is for this reason that physiognomy needs charts and categorised "character heads" in order to be able to reproduce this certainty time and again. However, by fixing the physiognomy of heads, the features of the living human being are described. As a result, these "living" sensual forms no longer characterise only the dangerous dispositions which "lie behind" them. They also characterise the formalised representations of physiognomy or "positive criminology". After having "studied" physiognomy, we no longer recognise the potential criminal by means of our immediate sense experience of his facial features, but recognise only what the physiognomical tables and facial models have taught us to look for. In this movement, both physiognomy and Lombrosos criminology prove to be an apparatus which contributes to the formation of this type of human being and creates an appearance for us. The simple demonstration of a criminal type becomes a characteristic of the same.

This impossibility of demonstration is shown in the installation "homo delinquens". Paper and untreated wood are the predominant building blocks with which Bernhard Hosa operates. Through this reduction of the artistic means, above all to construction elements, our associations are directed towards laws and architectural forms. The works have the character of a sketch and require the spectator to complement what is encountered, completing it by means of his senses. If earlier works still displayed the sensual presence of transitory moments - the smell of freshly dug earth in "six feet under", for example - in the latest cycle everything has been reduced to "neutral" materials. We enter a landscape which is composed of objects made of cardboard and untreated wooden slats. A deserted table suggests the absence of a human being who had perhaps worked at it shortly beforehand. The image of a human being no longer appears to us with sensual certainty. We experience the presence of a construction model of the subject. It is precisely this border between the living being and the apparatus of power that is suddenly rendered visible here. The appearance of a location in which the absence of our naive image of the human being announces the possible arrival of another subject who is still foreign to us.

Pernety, Anton Joseph: Versuch einer Physiognomik. Dresden, Walther, 1784.