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  Von Menschen und Monstern (2008)

"Um unsere europäische Moralität einmal aus der Ferne ansichtig zu werden, um sie aus anderen, früheren oder kommenden, Moralitäten zu messen, dazu muss man es machen, wie ein Wanderer macht, der wissen will, wie hoch die Thürme einer Stadt sind: dazu verlässt er die Stadt" (Friedrich Nietzsche, 1887).

Bernhard Hosa verlässt die Stadt. Er verlässt die Stadt und das Land der Wissenschaft und Forschung und das was von den Medien über deren Ergebnisse transportiert wird, um einen Blick zu werfen auf den Menschen, der zum "Monster" wird, dem alle Eigenverantwortung abgesprochen wird. Die "Stadt" zu verlassen, heißt Abstand zu gewinnen, um eine Perspektive auf etwas einzunehmen, um es ein- und abschätzen zu können. Im Fall der Moral bedeutet das für Nietzsche, dass man "eine Stellung außerhalb der Moral" einnehmen müsse, um sie einer abschätzenden Perspektive unterwerfen zu können. Ein schwieriges Unterfangen, denn der "Außenstandpunkt" setzt voraus, dass man sich von herrschenden Werturteilen, von kolportierten Meinungen befreit und wissenschaftliche Abhandlungen kritisch hinterfragt.

"Von Menschen und Monstern" heißt diese Ausstellung. Entlehnt hat Bernhard Hosa den Titel einem Artikel der Wochenzeitung "Der Spiegel", der anlässlich des Falles "Amstetten" verfasst wurde. Er thematisiert den Einfluss der Naturwissenschaften auf unser Menschenbild, insbesondere der Hirnforschung, die sich der Frage widmet, in welchem Maße Menschen durch Gene, frühkindliche Erfahrungen und Erziehung in ihrem Verhalten festgelegt sind, vor allem wenn es um abweichendes, kriminelles Verhalten geht. Formal besteht die zentrale Arbeit der Ausstellung aus drei IKEA Kisten, die übereinander gestellt sind, wobei die oberste leicht verschoben ist und von einer Holzlatte gestützt wird. Im Dunkel dieser Kiste liegt ein menschlicher Schädel, oben markiert durch ein Postit. Ein Haufen zusammengeballter Gummiringerln ist in eine kleine Öffnung der Kiste gestopft und ebenfalls mit einem Postit gekennzeichnet: das Gehirn. Daneben liegt das Buch: "Ich jagte Hannibal Lektor" von Robert Ressler, einer der ersten Profiler des FBI. Aufgeschlagen ist die Seite mit dem Titel "Wer mit Ungeheuern kämpft". Ein zweites Buch wird kostbar aufbewahrt in einer Vitrine. Hosa untersuchte das "Sachbuch" der Kronen Zeitung-Journalistin Alexandra Wehner, "Spuren des Bösen", auf die Häufigkeit einiger ausgewählter Wörter, etwa: "das Böse", böses", "die Bestie" und "bestialisch", "Monster", "Ungeheuer" oder "teuflisch". Hosa sammelt abstrahierte Begriffe als Träger von auf gesellschaftliche Realitäten verweisende Informationen in populärwissenschaftlichen Büchern, in nicht sachlich recherchierten Berichten. Alles hat er sorgfältig sortiert, mit verschiedenfarbigen Postits kartografisiert. Ein kartographisches Projekt, das mit der "Vermessung der Welt", das Partikulare und das "große Ganze" der Globalisierung ins Bild zu setzen sucht. Die künstlerische Methode des "Mappings" wird eingesetzt, um politische und ökonomische Prozesse in der Welt aufzuzeigen und zu hinterfragen. Mapping auch als Möglichkeit, bewusst zu machen, wie Medien psychologische Strategien einsetzen, um politische Ideale durchzusetzen. Der dritte Teil der Arbeit besteht aus mehreren übereinandergelegten Passepartouts, die jeweils ein Portrait fokussieren. Die Gesichter stammen aus Zeitschriften und Büchern und zeigen Gewalttäter, die durch kleine Manipulationen an den Augen zu unheimlichen "Zombies" wurden.

Schließlich bringt Bernhard Hosa drei Schlagzeilen auf Din A2 formatige Neon Poster und positioniert sie in der Auslage und an zwei galgenartigen Objekten aus Holz und Beton. Es sind Schlagzeilen aus der Bildzeitung, die 1990, anlässlich der Verurteilung des Serienmörders Wolfgang Schmidt, die "Bestie von Beelitz", auch "Rosa Riese" genannt, entstanden sind und die Zukunft seines ungeborenen Kindes betreffen. Beton symbolisiert das unumstößliche Fundament wissenschaftlicher Forschung. Der hölzerne Galgen steht für das Werkzeug des Popularjournalismus, der anprangert, verurteilt und abstempelt, der dem Menschen die Freiheit zur Eigenverantwortung abspricht und sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse sützend, dem gruseligen Schauer des geborenen Monsters hingibt.

Hat politische Information noch Platz in der künstlerischen Produktion? Gibt es nicht eine Abnutzung von Information, die nichts ändern kann? Wird sie zum erhobenen Zeigefinger, zur moralischen Instanz? Hosa versucht mit seinen Arbeiten mediale Prozesse aufzulösen, den gefölligen Lesefluss populärwissenschaftlicher Lektüre zu brechen, bewusst zu hinterfragen, was als wissenschaftlich gefestigt scheint. Er versucht die enge Verbindung zwischen künstlerischem und politischem Engagement bewusst zu machen. Er möchte ebenso die scheinbare Objektivität wissenschaftlicher Statistiken und Erkenntnisse in der Prognose und Beurteilung gesellschaftlicher Verhältnisse und politischer Methoden aufzeigen. Blickt man in die unmittelbare Vergangenheit zurück, so wurden immer wieder Strategien entwickelt, um gesellschaftliche Ausgrenzungen zu rechtfertigen: Sei es die von Ideologen des Nationalsozialismus konstruierte Strategie der biologischen Überlegenheit bestimmter Volksgruppen und die damit gerechtfertigte Ausrottung "minderen und unwerten" Lebens. Seien es die Theorien der 60er Jahre über die erhöhte "Mordlust" durch negative Sozialisation, die stigmatisierten. In den letzten Jahren werden vermehrt Studien von Genetikern und Neurowissenschaftlern in den Medien transportiert, die das Bild des Menschen als einem Wesen anzweifeln, das sich aufgrund von Geist, Bewusstsein, Vernunft, Moral und freiem Willen selbst bestimmen kann und damit grundlegend den anderen Lebewesen überlegen ist.

Immer eindringlicher wird von Wissenschaftlern der freie Wille und die freie Entscheidungsgewalt des Menschen, wie sie von Jean Paul Sartre formuliert wurde, in Frage gestellt. "Die Freiheit" schreibt Sartre in "Das Sein und das Nichts" "ist vollkommen und unendlich, was nicht besagen will, dass sie keine Grenzen habe, sondern dass sie ihnen nie begegnet. Die einzigen Grenzen, auf die die Freiheit jeden Augenblick stößt, sind diejenigen, die sie sich selbst auferlegt." Mit diesem Satz, den Sartre im Zusammenhang mit seiner Existenzanalyse niedergeschrieben hat, weist er ganz klar darauf hin, dass die Bedingtheit die Freiheit nicht aufhebt, dass es die Aufgabe des Menschen ist Eigenverantwortung zu übernehmen und dass erst dadurch seine Existenz in der Welt gegeben ist.

Christiane Krejs